HT 2023: Fragiles Lehnswesen – außer Lehen nichts gewesen? Das Lehnswesen zwischen historischer Realität, wissenschaftlichem Modell und Geschichtsunterricht

HT 2023: Fragiles Lehnswesen – außer Lehen nichts gewesen? Das Lehnswesen zwischen historischer Realität, wissenschaftlichem Modell und Geschichtsunterricht

Organisatoren
Verband der Historiker und Historikerinnen Deutschlands (VHD); Verband der Geschichtslehrer Deutschlands (VGD) (Universität Leipzig)
Ausrichter
Universität Leipzig
PLZ
04107
Ort
Leipzig
Land
Deutschland
Fand statt
In Präsenz
Vom - Bis
19.09.2023 - 22.09.2023
Von
Maren Beutler, Abteilung für Regionalgeschichte, Historisches Seminar, Christian-Albrechts-Universität zu Kiel

Nachdem das Forschungsfeld des Lehnswesens lange Zeit als „ausgeforscht“ galt, begann in den 1990er-Jahren, infolge von Susan Reynolds grundlegender Revision der vorliegenden Konzeption eine Neuverhandlung seiner Darstellung. Vor allem im Bereich der Didaktik stellt sich seitdem vermehrt die Frage, welche adäquate Alternative sich zur dekonstruierten Lehnspyramide findet. Anknüpfend daran setzte sich die Sektion „Fragiles Lehnswesen – außer Lehen nichts gewesen? Das Lehnswesen zwischen historischer Realität, wissenschaftlichem Modell und Geschichtsunterricht“ zum Ziel, ein aktualisiertes Bild zur laufenden Forschungsdebatte rund um das Lehnswesen zu zeichnen. Damit einhergehend präsentierten die Veranstalter der Sektion Oliver Auge und Frederic Zangel ein laufendes Forschungsprojekt des Kieler Lehrstuhls für Regionalgeschichte mit Schwerpunkt Schleswig-Holstein im Spätmittelalter und in der Frühen Neuzeit. Zugleich konnte die Thematik durch andere Perspektiven erweitert werden, indem auch der Umgang mit Sprache, Modellen und Theorien in Wissenschaft und Schule diskutiert wurde. Die Debatte zu diesen fragilen Fakten weckte nicht nur bei den in der Wissenschaft angesiedelten Gästen, sondern bezüglich der Bildungsthematik auch und besonders das Interesse von Lehrpersonal.

Im Rückgriff auf die vorhandenen Quellen entlarvte Reynolds das Konstrukt des Lehnswesens, allen voran der etablierten Lehnspyramide, als schwer haltbar. Diese Verschiebung des allgemeinen Forschungsstands stellte OLIVER AUGE (Kiel) in seinem Eröffnungsvortrag eingänglich dar. Der Kieler Regionalhistoriker erläuterte, dass Reynolds das idealtypische Modell des Lehnswesens des 19. und 20. Jahrhunderts als frühneuzeitliche Interpretation sah, die vor allem auf Grundlage der französischen, karolingischen Herrschaft erarbeitet worden war und insofern nur einen bestimmten Zuschnitt des Lehnswesens erklären konnte. Reynolds‘ Thesen wurden jedoch in regionalhistorischen Untersuchungen relativiert. Das Lehnswesen zeigt sich demnach durchaus in regionalen Varianten, welche dem Versuch einer Verallgemeinerung nicht gerecht werden. Auge identifizierte fünf Aspekte der thematisierten Fragilität: Erstens lasse sich das Lehnsrecht auf dem Gebiet des Heiligen Römischen Reichs im 12. und 13. Jahrhundert nicht flächendeckend nachweisen. Zweitens müsse das Lehnswesen als dynamisch betrachtet werden. Das zeige sich beispielsweise durch eine Mehrfachvasallität in Oberitalien sowie auch im nordalpinen Reich, aber auch anhand der Fluidität der Lehnsverhältnisse der Bischöfe von Lübeck. Permanente Verbindungen seien an dieser Stelle schwer herauszuarbeiten und müssten deshalb einer individuellen und fallbezogenen Interpretation konkreter Situationen weichen. Ähnlich gestaltete sich dies, drittens, bezüglich der Leistungen des Lehnswesens. Neben der politischen Komponente erfüllte dieses auch militärische, finanzielle oder repräsentative Funktionen. Es könne keine allgemeine Zielsetzung des Lehnswesens, sondern nur ein situativer Nutzen der jeweils beteiligten Parteien ausgemacht werden. Viertens müsse die Relevanz der Schriftgelehrsamkeit für das Lehnswesen durch die Bedeutung mündlicher Verhandlungen erweitert werden. Dabei kristallisiere sich eine Interdependenz, jedoch keine quantitative Gewichtung beider Kommunikationsformen heraus. Zuletzt warf Auge die Frage nach dem methodischen Zugriff auf die Thematik des Lehnswesens auf. Die Vielfalt sowie Varianz an Quellen mache ein einheitliches Vorgehen schwer und sei ein weiteres Argument für die individuelle Behandlung und die herausragende Rolle regionaler Beispiele. Folglich lasse das Lehnswesen noch viel Raum, um sich durch Forschungsbemühungen an eine adäquate Darstellung anzunähern. Auge plädierte abschließend neben einer interdisziplinären Beschäftigung für die weitere Verwendung eines offenen begrifflichen Rahmens im fragilen Feld des Lehnswesens. Ganz auf den Terminus technicus zu verzichten, widerspreche der Quellenüberlieferung des späten Mittelalters.

Anknüpfend daran zeichnete SIMON GROTH (Bonn) die Begriffsgeschichte des Lehnswesens. Das Lehnswesen fungierte im 19. und 20. Jahrhundert als Metatheorie der deutschen Mediävistik, welche die mittelalterliche Ordnung beschreiben sollte. Dabei kam es zu einer unterschiedlichen Verwendung der Begriffe „Lehnswesen“ und „Feudalismus“. Der Begriff des Feudalismus entstand im Frankreich der Frühaufklärung infolge einer selbsterfahrenen Epochenzäsur und sollte soziale wie wirtschaftliche Verhältnisse vor der französischen Revolution beschreiben. Später griffen Karl Marx und Friedrich Engels den Ausdruck zur Analyse des Kapitalismus auf. Damit gingen sie über ein Verständnis eines Verfassungs- beziehungsweise Systembegriffs hinaus und erschufen eine normative Kategorie zur Beschreibung vorherrschender Gesellschaftsverhältnisse. Der Begriff wurde forthin zum Begreifen der Verfasstheit des Mittelalters verwendet und hatte eine gemein negative Konnotation. In der Geschichtswissenschaft des 19. Jahrhunderts diente das Phänomen häufig als Negativbeispiel zu anderen Herrschaftsverhältnissen. Erst gegen Ende des 20. Jahrhunderts finden sich genauere Definitionen der Begrifflichkeiten. Karl-Heinz Spieß differenziere zwischen „Feudalismus“ als Beschreibung gesellschaftlicher Strukturen und „Lehnswesen“ als die innerhalb dessen entstandener Institutionen.1 Mit der gleichen Verständnisgrundlage habe Heinrich Mitteis das Lehnswesen als „positiv gewendeter Feudalismus“2 gesehen. Groth beschrieb, dass trotz der Dekonstruktion eines idealtypischen Konzepts seit den 1990er-Jahren normative Gesellschaftsordnungen des Mittelalters wieder verstärkt modellhaft erfasst werden. Dabei dürfe in Abgrenzung zu einem „Lehnswesen der älteren Forschung“3 neben der Varianz von Einzelfällen auch die aktuelle Quellenlage für eine Begriffsgeschichte nicht außer Acht gelassen werden.

In den ersten beiden Vorträgen zeigte sich bereits die Komplexität der Thematik. Wie kann die Feudalismus-Kontroverse unter diesen Umständen adäquat in Wissenschaft, Forschung und Lehre einbezogen werden? Dieser Frage stellte sich konkret auch THOMAS MARTIN BUCK (Freiburg) in seinem Vortrag. Um in der Wissenschaft Fakten zu generieren oder in ein neues Licht darzustellen, seien Kontroversen unumgänglich. Erst wenn Wissenskonstrukte infrage gestellt würden, könnten sie durch Innovationen weiterentwickelt oder ersetzt werden. Reynolds konnte genau solch eine Kontroverse in Gang setzen, indem sie die bis dahin verbreitete Vorstellung des Lehnswesens grundlegend in Frage stellte. In diesem, aber auch jedem anderen Fall sei die systematische Aufnahme eines Gegenstands unter der Beachtung wissenschaftlicher Standards relevant. So stellte Buck vier historische Axiome auf, die hierfür als Leitfaden gelten können: Erstens müsse die Arbeit mit Modellen in der Geschichtswissenschaft als Versuch der Ordnung einer Ansammlung von Fakten und nicht als Abbildung der Wirklichkeit betrachtet werden. Modelle stellen also Hilfsmittel dar, die durch ihre vereinfachte Darstellung auf lange Sicht keinen Bestand haben könnten. Zweitens sei die Interpretation von Quellen standpunktabhängig. Quellen stehen im Fokus jeglicher historischen Beschäftigung. Abgesehen vom „Vetorecht der Quellen“4 liege die Interpretation dabei jedoch vollkommen bei den Historiker:innen. Alle Ergebnisse seien nur ein Schlüssel zur Wahrheit und nicht die Wahrheit selbst. Sie müssen deshalb als nicht absolut und zu jeder Zeit als unabgeschlossen angesehen werden. Drittens stehe die Geschichtswissenschaft vor der Herausforderung, Abstraktes zu vermitteln und dabei dennoch der Komplexität des Gegenstands Rechnung zu tragen. Steffen Patzolds didaktisches Buch über das Lehnswesen liefert laut Buck ein Negativbeispiel dessen.5 So sei seine Beschreibung des Lehnswesens nicht in dem darin gezeigten Schaubild ersichtlich. Die vorgenommene Reduktion und Vereinseitigung werde dem komplexen Phänomen nicht gerecht. Buck machte an diesem Punkt klar, dass nicht jede wissenschaftliche Erkenntnis auch in Schule beziehungsweise im Unterricht zur Sprache kommen könne. So müsse es an bestimmten Stellen zur reduzierten Darstellung von Themenkomplexen kommen. Zuletzt ging Buck auf den Umgang mit Sprache bei der Interpretation von Quellen ein. Für ihn stellt das Problem mit dem Lehnswesen ein Problem mit der Sprache dar. Erst wenn wir uns die Sprache zu eigen machten, könnten wir Geschichte schreiben. Durch unsere Perspektive aus der Gegenwart seien wir aber immer befangen, wodurch wir die mehrdeutige vergangene Wirklichkeit verzerren würden. Buck kam damit zum Schluss, dass geschichtswissenschaftliche Modelle, eingeschlossen aller Versuche das Lehnswesen adäquat zu definieren, jederzeit vorläufig sind. Reynold konnte also einen Paradigmenwechsel anstoßen, es ist jedoch zu erwarten, dass auch ihre Neuformulierung des Lehnswesens früher oder später durch neue Theorien ersetzt wird.

Der Vortrag von FREDERIC ZANGEL (Kiel) zum Forschungsstand des Lehnswesens in Dänemark wurde von Jan Ocker (Kiel) präsentiert und schloss die Sektion ab. Anlass zur Untersuchung des dänischen Territorialgebiets bot die traditionelle Verneinung eines dort im Mittelalter existenten Lehnswesens. Geprägt wurde dieser Standpunkt vor allem durch den dänischen Historiker Kristian Erslev am Übergang vom 19. zum 20. Jahrhundert. Besonders aufgrund des dann Ende des 20. Jahrhundert angestoßenen Wandels im Forschungsstand zu Mittel- und Westeuropa zeigten sich die Verhältnisse in Skandinavien im Vergleich zum restlichen Europa jedoch als ähnlicher als zuvor vermutet, weshalb eine Überprüfung dieser älteren These lohnend ist. Für seine Untersuchung zog Zangel hauptsächlich edierte Urkunden und Briefe von 798–1450 aus dem Diplomatarium Danicum heran. An diesen schriftlichen Quellen konnte er herausarbeiten, dass auch im Herrschaftsgebiet dänischer Könige im untersuchten Zeitraum regionale Unterschiede, ebenso wie Konjunkturen beziehungsweise übergreifende Entwicklungen vorzufinden sind. Doch können die vorgefundenen Bezeichnungen „læn“ und „foghedæ“ adäquat mit „Lehen“ und „Vasallen“ gleichgesetzt werden? Inwiefern ist die Übersetzung von Begriffen an dieser Stelle überhaupt angemessen und vor allem zielführend? Zangel plädierte neben der Ablehnung eines Absolutheitsanspruchs von Modellen auch für die Einstufung „unklarer Graubereiche“6 einer lehnsähnlichen dänischen Praxis. So finden sich in Dänemark im untersuchten Zeitraum neben der klassischen Belehnung durch Landleihe auch soziale Beziehungen, die einem klassischen Vasallenverhältnis ähneln, sowie Aspekte der Verwaltung, die Lehnspraktiken in anderen europäischen Regionen gleichen. Auf der anderen Seite stelle sich aber auch zum Beispiel die Frage, ob im Herzogtum Schleswig im klassischen Sinne Lehen vergeben werden konnten, wenn das Gebiet schon selbst ein Lehen bildete. Bezeichnend ist zudem, dass in den Quellen häufig dann lehnsrechtliche Termini verwendet werden, wenn auswärtige Akteure beteiligt waren. Zum Schluss stellte Zangel die Frage in den Raum, welche Erkenntnisse aus diesem besonderen Fall für das Lehnswesen allgemein abgeleitet werden können. Die Quellenarmut bedeutet für Untersuchungen zum Lehnswesen in Dänemark eine Herausforderung. Gerade diese Leerstellen ermutigen jedoch zu einer fortlaufenden Beschäftigung.

So konnte die Sektion das Lehnswesen ganz im Sinne der Leipziger Historikertage 2023 nicht nur als fragiles Faktenkonstrukt darstellen, sondern auch den Ansatz eines Vorschlags zum Umgang mit der Thematik in Wissenschaft und Unterricht liefern. Zusammenfassend lässt sich hierfür festhalten, dass von Verallgemeinerungen abzusehen ist. Besonders regionale Betrachtungen, aber auch der Einbezug benachbarter Disziplinen wie beispielsweise der Sprachwissenschaften können einen erweiterten Blick dabei begünstigen. Für die Lehre in Schule und Universität bleibt die Frage offen, wie eine Vermittlung zwischen detaillierten Einzelbefunden und der vereinfachten Darstellung eines Gesamtbildes aussehen soll. Es bleibt also weiterhin Raum, um das Lehnswesen in seiner Vielfältigkeit zu untersuchen, aber auch den Versuch der Annäherung an adäquate allgemeine Modelle zu unternehmen.

Sektionsübersicht:

Sektionsleitung: Oliver Auge (Kiel) / Frederic Zangel (Kiel)

Oliver Auge (Kiel): Von scheinbar ausgeforschter Stabilität zu faktischer Fragilität? Perspektiven auf das Lehnswesen als komplexen Untersuchungsgegenstand

Simon Groth (Bonn): "Das Lehnswesen ist positiv gewendeter Feudalismus“. Über den Charakter einer Ordnungsmetapher

Thomas Martin Buck (Freiburg): The Middle Ages without Feudalism – Wie, warum und zu welchem Zweck studieren und lehren wir Paradigmenwechsel?

Frederic Zangel (Kiel): "læn“ als Lehen und „foghedæ“ als Vasallen? Zum Lehnswesen in Dänemark im (nord)europäischen Kontext

Anmerkungen:
1 Vgl. Karl-Heinz Spieß, Art. „Lehnsrecht, Lehnswesen“, in: Adalbert Erler (Hrsg.), Handwörterbuch zur deutschen Rechtsgeschichte Band II, Berlin 1978, Sp. 1725–1741, hier Sp. 1726.
2 Heinrich Mitteis, Der Staat des hohen Mittelalters. Grundlinien einer vergleichenden Verfassungsgeschichte des Lehnszeitalters, 11. überarb. Aufl. Darmstadt 1986 (1. Aufl. 1940), S. 19f.
3 Zitat aus dem Vortrag von Simon Groth.
4 Der Begriff wurde wahrscheinlich von Reinhard Kosellek geprägt, so finden sich Ausführungen dazu beispielsweise in Reinhart Kosellek, Standortbindung und Zeitlichkeit. Ein Beitrag zur historiographischen Erschließung der geschichtlichen Welt, in: Reinhard Kosellek (Hrsg.) u.a., Objektivität und Parteilichkeit in der Geschichtswissenschaft (Beiträge zur Historik 1), München 1977, S. 17–46.
5 Siehe Steffen Patzold, Das Lehnswesen (Beck’sche Reihe 2745), München 2012.
6 Zitat aus dem Vortrag von Frederic Zangel.

https://www.historikertag.de/Leipzig2023/
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